Geistige Belastungen auf dem Vormarsch © alphaspirit/adobe.stock.com, AK Stmk
Geistige Belastungen auf dem Vormarsch © alphaspirit/adobe.stock.com, AK Stmk
9.8.2016

Geistige Belastungen auf dem Vormarsch

"Die Belastungen auf dem Arbeitsplatz steigen kontinuierlich an", fasst die Geschäftsführerin des Grazer Meinungsforschungsinstituts bmm, Claudia Brandstätter, die Ergebnisse einer Umfrage im Auftrag der steirischen Arbeiterkammer zusammen. Insgesamt fühlen sich mit 30,8 Prozent bereits fast ein Drittel der Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz (sehr) hoch belastet. Brandstätter: "Das sollte zu denken geben. Bei einer Grundgesamtheit von rund 480.000 bedeutet das, dass sich in der Steiermark knapp 150.000 Beschäftigte über Gebühr belastet fühlen".

AK-Präsident Josef Pesserl, Mag. Claudia Brandstätter © Langmann, AK Stmk

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Insbesondere gelte das für die Kategorien "geistige Belastungen" (z. B. hohe Anforderungen an die Konzentration, enorme Informationsdichte) sowie die "zu bewältigende Arbeitsmenge" (Aufgaben nicht erfüllbar, Arbeitsmenge unregelmäßig), die sowohl bei der aktuellen Betroffenheit als auch bei der Zunahme in den vergangenen drei Jahren mit Abstand an der Spitze stehen: "Geistige Belastungen" empfinden 45 Prozent als (sehr) stark, 26,5 Prozent  meinen, dass diese Art der Belastung in der jüngsten Vergangenheit (stark) gestiegen sei. Die Belastung durch die zu bewältigende Arbeitsmenge spüren 35,8 Prozent (sehr) stark, für 33,6 Prozent ist sie in den letzten drei Jahren (stark) gestiegen (Details der Umfrage in der Infobox).

Wenig Interesse bei Arbeitgebern

Während immerhin 73,4 Prozent der Befragten selbst Aktivitäten zum Belastungsabbau setzen (vor allem durch Sport), zeigen die Arbeitgeber der Umfrage zufolge nur wenig Interesse. Knapp 70 Prozent der Befragten geben an, dass ihre Arbeitgeber keinerlei Aktivitäten in diese Richtung setzen. Ähnlich verhält es sich bei betrieblichen Gesundheitsförderungsprogrammen. Knapp zwei Drittel arbeiten in Unternehmen, in denen es keine derartigen Programme gibt. In dieses Bild passt auch, dass die Arbeitgeber von mehr als 70 Prozent der Befragten keinerlei Reaktion auf altersbedingte Leistungsveränderungen setzen.

Publikum in der List Halle © Langmann, AK Stmk

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Betriebsklima wichtig

Den steigenden Belastungen zum Trotz geben 92,1 Prozent der Befragten an, (sehr) gerne arbeiten zu gehen und immerhin 89,4 Prozent, mit ihrer derzeitigen Beschäftigung (sehr) zufrieden zu sein. Mit Abstand die wichtigste Rolle spielt hier das Betriebsklima. Erst an vierter Stelle wird "gute Bezahlung" als Parameter für diese Zufriedenheit genannt.

"Arbeitgeber in der Pflicht"

Für den Präsidenten der steirischen Arbeiterkammer, Josef Pesserl, sind die bei einem Symposium in der Helmut List Halle präsentierten Umfrageergebnisse ein Zeichen, dass in den Köpfen vieler Arbeitgeber noch kein Umdenken stattgefunden habe: „Die Arbeitgeberverbände sind die ersten, die eine Anhebung des faktischen Pensionsantrittsalters fordern. Aber nur eine Minderheit der Arbeitgeber leistet einen Beitrag dazu, dass die ArbeitnehmerInnen gesund im Job bleiben können“, sieht Pesserl die Arbeitgeber in der Pflicht. Bezeichnend für den rauen Wind in der Arbeitswelt sei, dass sich immer mehr durch die „zu bewältigende Arbeitsmenge“ besonders belastet fühlen: „Das ist das Ergebnis, wenn im Zeichen der Gewinnmaximierung bei den Beschäftigten gespart wird.“ Die geringe Neigung, etwas gegen zu hohe Belastungen zu tun, spiegle sich sowohl in den Krankenstandsgründen als auch bei den Zugängen an Berufsunfähigkeitspensionen wider, so Pesserl: „Bei beiden sind psychiatrische Krankheiten immer häufiger Auslöser.“

Es bestehe ganz offensichtlich eine Diskrepanz zwischen den höheren Zugangsbarrieren zur krankheitsbedingten Pension und der Bereitschaft zu gesundheitsfördernden Maßnahmen in der Arbeitswelt. Die De-Facto-Abschaffung der Berufsunfähigkeitspension für unter 50-Jährige (wobei diese Altersgrenze schrittweise erhöht wird) sollte daher mit der gesetzlichen Verpflichtung zu Gesundheitsförderungsprogrammen gekoppelt werden, fordert Pesserl. Positiv wertet der AK-Präsident die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der ArbeitnehmerInnen etwas für den Stressabbau tut: „Die ArbeitnehmerInnen haben die Zeichen der Zeit erkannt.“

Evaluierung und Maßnahmen

Peter Hoffmann, Gerhard Plank, Claudia Brandstätter, AK-Präsident Josef Pesserl, Moderatorin Claudia Gigler. © Langmann, AK Stmk

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Die Entwicklung hin zu personenbezogenen Dienstleistungsberufen bewirkt eine Zunahme der psychischen Belastungen, stellte der Psychologe Dr. Peter Hoffmann (AK Wien) in seinem Beitrag zum Thema Stressfalle fest. Eine Fehlbeanspruchung vermindere die Leistungsfähigkeit. Die verpflichtende Evaluierung der Arbeitsplätze auch auf psychische Fehlbeanspruchung sei ein erster Schritt zur Eindämmung psychischer Erkrankungen: „Die Arbeitswelt soll gesundheits-, lern- und persönlichkeitsförderlich sein“, forderte Hoffmann. AK-Experte Gerhard Plank sieht  in der Zunahme von Burnout eine Folge der Ökonomisierung des Sozialen. Während die Krankenstände in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind, habe der Verbrauch von Psychopharmaka ständig zugenommen. Er rät Betrieben, regelmäßig Faktoren wie Zahl der Überstunden, Krankenstände, Personalfluktuation und Kündigungen zu analysieren. Zur Burnout-Prävention empfiehlt er Maßnahmen wie Mentoring-Programme, verbindliche Vereinbarungen über Ansprüche und Ziele sowie klare Vertretungsregeln.

In der von Claudia Gigler (Kleine Zeitung) geleiteten Diskussionsrunde wurden Hilfen für Führungskräfte und eine Förderung der psychischen Betreuung angeregt. Burnout-gefährdete Personen auf Urlaub oder in Teilzeitarbeit zu schicken, sei allerdings keine Lösung. AK-Präsident Pesserl forderte in seinem Schlusswort analog zur Umweltverträglichkeitsprüfung für neue Unternehmen eine Prüfung der Gesundheitsverträglichkeit. 

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