Medienexpertin Ingrid Brodnig
Medienexpertin Ingrid Brodnig © Gianmaria Gava
31.08.2026

„Wir alle können Korrektiv sein“: Ingrid Brodnig im Interview

Von Abwertung bis zur Gewaltdrohung: Medienexpertin Ingrid Brodnig deckt in ihrem Buch „Feindbild Frau“ die Muster des Online-Hasses auf. Ein Gespräch über rechtliche Hebel, die Bedrohung der Demokratie und die Macht digitaler Zivilcourage.

Was war der Auslöser, das Buch „Feindbild Frau“ zu schreiben?
Es gibt prominente Fälle von Hass im Netz gegen Frauen, etwa den Fall Sigrid Maurer der die Drohungen gegen die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr. Wir diskutieren dann kurz darüber – aber wir leben in einer Zeit, in der rasch wieder irgendein anderes Thema aufkommt. Ich wollte deshalb eine gründliche Aufbereitung liefern: Was erleben Frauen, die öffentlich sichtbar sind, im Internet?

Warum rückt Ihr Buch speziell Frauen im politischen Raum und nicht Betroffene allgemein in den Fokus?
Es schien mir sinnvoll, eine spezifische Gruppe zu analysieren, um wirklich in die Tiefe zu gehen und zu erforschen, was diese Frauen im Netz erleben. Politikerinnen boten sich an, weil sie in der Öffentlichkeit besonders sichtbar sind. Das allein ist bereits eine Gefahrenquelle für Frauen im Internet. Zweitens glaube ich aber auch, dass Politikerinnen ein Symbol für die Situation der Frau in unserer Demokratie sind. Über Jahrzehnte hinweg wurde dafür gekämpft, dass Frauen ebenso stark in Parlamenten vertreten sind und ebenso politisch mitbestimmen. Doch es besteht die Gefahr, dass Frauen mit purer Aggression und Hasskommentaren aus dem öffentlichen Raum, auch aus der Politik, verdrängt werden. Ich glaube zudem, dass viele Mechanismen, die ich anhand der Erfahrungen von Politikerinnen erkunde, leider auch für andere Frauen gelten und dass die Arten der Einschüchterung ähnlich sind, auch bei Frauen, die aus ganz anderen Bereichen kommen.

Gab es bei den Gesprächen mit den Politikerinnen Schilderungen, die Sie als Expertin für Hass im Netz selbst überrascht haben?
Mich überraschte, wie vielfältig der Rückzug von Frauen sein kann und welch unterschiedliche Formen er annimmt. Zum Beispiel interviewte ich eine Politikerin, die angab, auch wegen des Hasses im Netz nicht mehr zu kandidieren. Dann gab es aber auch subtilere Formen der Zurückhaltung. So zog eine Politikerin in einer Versammlung ihren Redebeitrag zurück, weil sie nicht noch einmal eine Hasswelle erleben wollte. Überrascht hat mich außerdem, wie offen viele Politikerinnen über ihre Erfahrungen mit Hass im Netz sprachen, wie sie unangenehme Vorfälle noch einmal mit mir diskutierten oder offenlegten, was das bei ihnen auslöst. Der Grund dafür ist auch, dass sie das Thema ansprechen und nicht stumm hinnehmen wollen. Darüber zu sprechen ist ebenfalls eine Form der Gegenwehr.

Inwiefern profitieren Social-Media-Plattformen durch ihre Algorithmen von der Verbreitung von Hass?
Krawall zieht Aufmerksamkeit auf sich. Die Frage ist, ob Menschen beispielsweise mehr Minuten am Tag auf einer Plattform verbringen, wenn diese polarisierende Inhalte stärker sichtbar einblendet. Dafür gibt es Indizien, zum Beispiel eine Studie unter anderem von Tiziano Piccardi zur Plattform X. Mein Eindruck ist, dass wir Menschen oft auf negative Stimuli schauen und unseren Blick dorthin richten, wo es wild zugeht. Es kann daher sein, dass die großen Digitalplattformen ökonomische Anreize haben, ganz andere Inhalte stark sichtbar zu verbreiten, als der Durchschnitt der Menschheit nüchtern betrachtet eigentlich sinnvoll findet.

Gibt es typische Muster oder wiederkehrende Narrative, die bei Angriffen gegen Frauen genutzt werden?
Leider ja, ich habe zehn Typen wiederkehrender Beleidigungen und Bedrohungen herausgearbeitet. Dazu zählen zum Beispiel Abwertungen mittels einer sexuellen Verwertungslogik, etwa ein Kommentar wie „Niemand will dich ficken“, sowie sexualisierte Gewaltdrohungen und Drohungen beziehungsweise Beleidigungen gegen die Familie. Sehr spannend fand ich auch, wie viele Politikerinnen von einem Absprechen ihrer Kompetenz und ihres Intellekts sowie von einer Verniedlichung in vielen Postings berichteten. Dazu ein Beispiel. Für mein Buch habe ich auch Beate Meinl-Reisinger interviewt, damals schon Neos-Chefin, aber noch nicht Ministerin. Sie hat mir unter anderem erzählt, dass sie den Eindruck hat, ganz schnell geduzt zu werden, mit Kommentaren wie „Du, Mäderl, ich weiß eh, mit Denken tust du dir schwer“. Ich kann mich noch erinnern, wie ich beim Interview saß und dachte, wie erfolgreich eine Frau eigentlich werden muss, damit sie nicht mehr als Mäderl angesprochen wird. Selbst diese scheinbar harmlosen Vorfälle sagen schon etwas über die Rolle oder die Eigenschaften aus, die Frauen oft zugeschrieben bekommen.

Wie schmal ist die Grenze zwischen legitimer politischer Kritik und systematischer digitaler Gewalt?
Tatsächlich ist diese Grenze auch eine Auslegungsfrage, allerdings gibt es Fälle, die glasklar sind. Einer Frau eine Vergewaltigung zu wünschen, ist keine legitime politische Kritik, unabhängig davon, gegen wen sich das richtet.

Welche langfristigen Folgen hat die Einschüchterung von Frauen für unsere politische Debattenkultur?
Sogenannte Chilling-Effekte sind messbar. Frauen geben eher an, nach hasserfüllten Kommentaren vorsichtiger bei der Formulierung ihrer Meinung zu werden. Das ergab beispielsweise eine Studie aus Norwegen. 42 Prozent der betroffenen Frauen gaben das an, aber nur 16 Prozent der betroffenen Männer.

Welche rechtlichen Hebel müssen dringend verschärft werden?
Wenn sich die Gewalt verändert, muss sich auch das Strafrecht ändern. Im Buch geht es zum Beispiel auch um sexualisierte Deepfakes, also Fake-Videos, die mittels KI erstellt wurden und etwa den falschen Eindruck vermitteln, eine Frau sei in einem Porno zu sehen. Es ist wichtig, dass Länder wie Österreich oder Deutschland solche Vorfälle wirklich strafrechtlich greifbar machen.

Was können Social-Media-Konzerne tun, um besser vor Hass-Kampagnen zu schützen?
Sehr viel, ich bin nur nicht sicher, ob wir darauf warten sollten, bis sie von selbst genügend tun.

Welche Rolle spielen traditionelle Medien, wenn sie solche Online-Kampagnen aufgreifen?
Es ist wichtig, aggressive Online-Kampagnen einzuordnen, also nicht nur zu sagen, dass Politikerin XYZ einen Shitstorm erlebt, sondern zu analysieren und fürs Publikum zu erklären, aus welcher Richtung negative bis aggressive Kommentare kommen. Ich glaube auch, dass manchmal beispielhaft erklärt werden muss, wie obszön oder bedrohlich manche Nachricht an Frauen ist, denn viele Durchschnittsbürger, speziell Männer, erleben solche Nachrichten nicht selbst. Wenn sie aber mitbekommen, wie sehr so etwas unter die Gürtellinie gehen oder die Würde einer Person verletzen kann, sind viele von ihnen schockiert und finden das ebenfalls nicht in Ordnung.

Wie kann man im Alltag digitale Zivilcourage zeigen, ohne selbst zur Zielscheibe zu werden?
Ja, man kann zum Beispiel im eigenen Umfeld darüber reden und Bewusstsein schaffen. Eine der wichtigsten Reaktionen ist, Betroffenen von Hass im Netz den Rücken zu stärken. Denn den ganzen Tag nur Hasskommentare zu lesen, kann etwas mit Menschen machen. Das kann ihren Blick auf die Welt und auf die Menschen da draußen negativ verschieben. Wenn hingegen genügend andere schreiben, „das hast du nicht verdient“ oder „du leistest wichtige Arbeit“, ist das ebenfalls ein Gegengewicht. Wir alle können ein Korrektiv sein.

Welchen Rat geben Sie einer jungen Frau, die wegen des Hasses im Netz zögert, in die Politik zu gehen?
Nicht alleine bleiben! Was Menschen oft hilft, ist Solidarität, also wenn andere ihnen den Rücken stärken. Deshalb würde ich empfehlen, viel Networking zu betreiben und sich mit anderen Frauen und auch Männern in der Politik zu vernetzen. Denn wenn es hart auf hart kommt, kann es helfen, solche Netzwerke zu aktivieren. Vielleicht haben dort andere Frauen oder Männer gute Tipps, was man tun könnte, oder sie können mithelfen, dass eine Welle der Solidarität entsteht. Wichtig ist außerdem, dass jede Frau, nicht nur jene in der Politik, auf ihre Privatsphäre-Einstellungen im Internet achtet, etwa darauf, ob ihre Wohnadresse leicht auffindbar ist oder welche Fotos sich über sie ausgraben lassen. Man kann Glück haben und es passiert nie etwas, man kann aber auch Pech haben. Wichtig ist mir aber, dass es nicht nur um die Frage geht, was Betroffene oder potenziell Betroffene gegen Hass im Netz tun können, sondern vor allem darum, welchen stärkeren Schutz diese Frauen brauchen. Das reicht von rechtlichen Änderungen über ausreichende Ressourcen in der Justiz bis hin zum gesellschaftlichen Verständnis des Phänomens. Das Thema sollte eben nicht nur Einzelne, sondern uns alle beschäftigen.

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