Mit geballter Kraft gegen die Pflegekrise: Vier Gewerkschaften und der ÖGB haben sich zur Plattform "Offensive Gesundheit" zusammengeschlossen. © ÖGB Steiermark/Jürgen Radspieler, AK Stmk
Mit geballter Kraft gegen die Pflegekrise: Vier Gewerkschaften und der ÖGB haben sich zur Plattform "Offensive Gesundheit" zusammengeschlossen. © ÖGB Steiermark/Jürgen Radspieler, AK Stmk
16.5.2022

"Pflegepersonal ernst nehmen"

Faire Bedingungen für das Gesundheits- und Pflegepersonal sind längst nicht mehr nur ein Anliegen der Beschäftigten in diesen Bereichen. Die Probleme sind so groß, dass die Versorgung der Bevölkerung in Gefahr ist. Arbeiterkammer und Gewerkschaften erhöhen den Druck für Reformen.

Die Pflegemisere mit Personalmangel, geschlossenen Stationen, fehlenden Ausbildungsplätzen, abschreckenden Arbeitsbedingungen und weiteren Baustellen im System nimmt an Dramatik zu. "Pflegende Angehörige brauchen eine gute Unterstützung, zu Pflegende ein qualitätsvolles Angebot, Erkrankte und Unfallopfer eine optimale Versorgung. Das alles geht nur mit fairen Bedingungen beim Gesundheits- und Pflegepersonal", sagt AK-Präsident Josef Pesserl. Die Arbeiterkammer hat ein 8-Punkte-Sofortprogramm beschlossen, das in der Verantwortung des Landes Steiermark umgesetzt werden kann. Maßnahmen, die von der schwarz-grünen Regierung gesetzt werden müssen, werden dieser Tage von der Bundesarbeitskammer diskutiert und beschlossen.

Keine Kostenfrage

"An den Kosten darf es nicht scheitern“, richtet Pesserl den Verantwortlichen aus, "denn Pflege schafft nachhaltig Arbeitsplätze und sichert der Bevölkerung ein würdevolles Altern. Jede Investition in die pflegerische Versorgung rentiert sich gesamtgesellschaftlich drei- bis vierfach." Zentral sind bessere Arbeitsbedingungen durch mehr Personal und attraktive Arbeitszeitmodelle. Wie der Landesrechnungshof jüngst bestätigt hat, müssen zusätzliche Plätze geschaffen werden, damit genügend Fachkräfte ausgebildet werden können. Unabhängig von Ausbildungsform und Alter fordert die AK ein Ausbildungsgeld, das den Lebensstandard sichert.

Gewerkschaftsprotest

Die für Beschäftigte in Pflege, Gesundheit und Betreuung zuständigen Gewerkschaften haben sich mit dem ÖGB zur Plattform "Offensive Gesundheit" zusammengeschlossen. Vor wenigen Tagen fand in Graz und in vielen anderen Städten in Österreich ein großer Protestmarsch statt. Beatrix Eiletz von der Gewerkschaft GPA sagt, "es ist bereits fünf nach zwölf, wenn es zum Beispiel bei der mobilen Pflege um die Sicherstellung der Versorgung der Menschen geht." Michael Tripolt vertritt die Beschäftigten in den Landesspitälern. Auch er spricht von Leistungsreduktionen durch Personalmangel.

"Attraktive Arbeitsbedingungensind die Grundlage, damit unsere Pflegefachkräfte lange in ihrem Job bleiben und junge Menschendiesen Beruf ergreifen."

AK-Präsident Josef Pesserl

"Wir sind am Limit" – Betroffene am Wort

Waltraud Ghanimi, Fachsozialbetreuerin Altenarbeit im Odilien-Institut Graz © Fruhmann, AK Stmk
Waltraud Ghanimi, Fachsozialbetreuerin Altenarbeit im Odilien-Institut Graz © Fruhmann, AK Stmk
Es wird auf keinen Fall besser, sagt Waltraud Ghanimi: "Wir haben das Gefühl, von der Regierung nicht gehört zu werden." Der Hauptkritikpunkt für die Fachsozialbetreuerin im Bereich Altenarbeit im Odilieninstitut ist der Pflegeschlüssel: "Wir haben viel zu wenig Personal.“ Das führe bei Krankenständen dazu, dass Kolleginnen und Kollegen ständig an ihren freien Tagen einspringen müssen. „Das sorgt für eine Überlastung der Mitarbeiter." Zudem verdienen "die Pfleglinge viel mehr Zuwendung". Mittlerweile stünde nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt, sondern die wirtschaftliche Seite. Ghanimi: "Wenn man etwas gerne gut macht, dann ist es unbefriedigend, wenn es nicht in die richtige Richtung geht."
DGKP Heike Marterer, Stationsleitung Interne Abteilung KH Barmherzige Brüder Graz © privat, AK Stmk
DGKP Heike Marterer, Stationsleitung Interne Abteilung KH Barmherzige Brüder Graz © privat, AK Stmk
Sie könne sich keine andere Arbeit vorstellen, bei der man so viel an Dankbarkeit zurückbekomme, sagt die Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Heike Marterer: "Doch nach den harten Jahren durch die Pandemie erhoffe ich mir endlich bessere Bedingungen, damit ich gut arbeiten kann." Marterer ist Stationsleitung einer Internen Abteilung im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz und muss zusammen mit ihrer Stellvertreterin die Dienstpläne für die Station erstellen: "Alle Dienste zu besetzen war und ist eine große Herausforderung.“ Bei allen ist diese Zeit auf die Substanz gegangen. Sie weiß von Kolleginnen und Kollegen, die in letzter Zeit die Stelle gewechselt oder den Beruf überhaupt aufgegeben haben oder bewusst nur mehr Teilzeit arbeiten wollen. Schwierig war die strenge Corona-Besuchsregelung, die manchen Patientinnen und Patienten kaum verständlich zu machen war. "In Absprache mit den Ärzten konnten wir zumindest für die Angehörigen von Sterbenden eine persönliche Verabschiedung ermöglichen." Anerkennung für den Pflegeberuf in jeder Form sei ihr Wunsch an die Zukunft: "Das betrifft die allgemeine gesellschaftliche Anerkennung unserer Leistungen, aber auch die finanzielle Seite des Berufs."
DGKP Nina Plasch-Lies, Intensivstation KH Barmherzige Brüder Graz © privat, AK Stmk
DGKP Nina Plasch-Lies, Intensivstation KH Barmherzige Brüder Graz © privat, AK Stmk
Wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten zu haben ist der ganz große Wunsch von Nina Plasch-Lies. Die Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet auf der Intensivstation im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Graz. "Durch Corona ist die Belastung durch die Arbeit deutlich gestiegen", sagt sie. Das hänge mit der notwendig gewordenen Schutzkleidung zusammen, aber auch mit dem Personalmangel und den zusätzlichen Schichten außerhalb des Dienstplanes. Plasch-Lies habe immer gerne in ihrem Beruf gearbeitet und sie erwarte nun "ruhigere Zeiten, um in einem angenehmeren Arbeitsumfeld wieder durch mehr Zeit für Patientinnen und Patienten die Genesung zu fördern".
Sozialbetreuerin Vladenka Mihaljevic, Teamleitung Vollzeitbetreutes Wohnen Graz-Schererstraße © privat, AK Stmk
Sozialbetreuerin Vladenka Mihaljevic, Teamleitung Vollzeitbetreutes Wohnen Graz-Schererstraße © privat, AK Stmk
Nicht nur die Beschäftigten, auch die Klientinnen und Klienten im Vollzeitbetreutem Wohnen von Mosaik waren während der Pandemie gefordert, sagt Sozialbetreuerin Vladenka Mihaljevic. Sie ist die Leiterin der Einrichtung, in der zwölf Personen in zwei 3er-WGs und sechs Einzelwohnungen wohnen. "Gab es eine Erkrankung, mussten sie in ihren Zimmern bleiben, wir kamen in voller Schutzmontur zu ihnen. Aber erklären sie einmal einem beeinträchtigten Menschen, warum er die Wohnung bzw. das Zimmer nicht verlassen darf", schildert Mihaljevic. "Wir kamen an unsere körperlichen, aber auch psychischen Grenzen." Nötig wäre endlich die Anhebung des Personalschlüssels sowie ein Plan, wenn es zu vermehrten Personalausfällen kommt. "Kommt es bei den Holding Graz Linien zu Ausfällen, stellen die auf den Ferienplan um. Das geht bei uns natürlich nicht."
DGKP Karoline Patterer Einsatzleiterin Graz-Jakomini für Mobile Dienste des Roten Kreuzes © ÖRK-Graz-Stadt/A. Danglmaier, AK Stmk
DGKP Karoline Patterer Einsatzleiterin Graz-Jakomini für Mobile Dienste des Roten Kreuzes © ÖRK-Graz-Stadt/A. Danglmaier, AK Stmk
Manchmal ist man an der Grenze der Belastbarkeit, aber trotzdem ist man motiviert, etwas zu bewirken und mit Menschen zu arbeiten, sagt DGKP Karoline Patterer. Es war mehr Beratung und Information von Angehörigen nötig. Die Kommunikationswege veränderten sich, da keine großen Teambesprechungen stattfinden konnten. Durch die Pandemie wurde noch mehr Flexibilität aufgrund der Personalausfälle verlangt. Auch wenn die Pandemie viele Defizite im System aufgezeigt hat, kann die Rotes-Kreuz-Pflegemanagerin dem vielfältigen Tätigkeitsbereich und der Notwendigkeit des Mobilen Dienstes sehr viel Wertvolles abgewinnen. Deswegen wünscht sie sich ein besseres Image des Berufs: "Es ist ein sicherer Arbeitsplatz – auch in Krisenzeiten. Es gibt eine fundierte Ausbildung, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, gute Aufstiegschancen. Es ist ein werteorientiertes Arbeiten."

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