31.3.2017
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Geld verdienen mit Nichtstun?

Manuel Beltrán zeigt einem Arbeiter seinen Verdienst © Institute of Human Obscolescence, AK Stmk

Seine Körperwärme verkaufen, als Job. Das war der Inhalt einer Kunstinstallation des Spaniers Manuel Beltrán im ESC Labor in Graz. Das elevate Festival holte ihn nach Graz. Und ich habe eine Stunde lang für ihn gearbeitet. Nachdem der Vertrag unterzeichnet war, bekam ich einen Anzug. Der erfasste über einen Computer meine Körperwäre und verkaufte sie. Aber nicht gegen Euro, sondern gegen Kryptowährungen, um den größtmöglichen Betrag zu erwirtschaften. Dabei bin ich gelegen, ganz meinem Nichtstun überlassen. Dieses Interview hat in Englisch stattgefunden - zum Original.

Wie ist es zum Projekt gekommen?

Manuel Beltrán: Ich habe bei einigen Protesten mitgemacht. Als wir in Spanien auf die Straße gegangen sind, um gegen das Systems zu protestieren, waren wir sehr erstaunt, wie vielen Menschen mit uns da waren. Gleichzeitig ist mir bewusst geworden, wie abstrakt es ist, dagegen zu protestieren. Ich denke, Kunst kann das Abstrakte erklären und erfahrbar machen. Ich möchte mit meinem Projekt Fragen aufwerfen und das Publikum dazu anregen, eine eigene Meinung zu haben. 

Worum geht es genau?

Im Kunstprojekt liegt man, während die Körperwärme verkauft wird. © Institute of Human Obscolescence, AK Stmk

Meine Theorie ist die Absenz von Aktivität in der Arbeitswelt. Viele Arbeiten werden von Robotern, Maschinen und Algorithmen geleistet. Darum habe ich das "institute of human obscolecence" gegründet um biologische Arbeit zu erforschen – in diesem Fall der Verkauf von menschlicher Körperwärme. Ich habe drei Jahre lang geforscht, wie ich aus Bewegung Energie gewinnen könnte, um sie dann zu verkaufen. Irgendwann bin darauf gekommen, dass die menschliche Wärme verkauft werden könnte. Der Prototyp vom Anzug wurde 2016 fertig. Damit habe ich in Holland, wo ich lebe, drei Ausstellungen gemacht, wo jeder für mich "arbeiten" konnte. Um diese Aktion auch in den richtigen Kontext zu setzen, unterschreibt man vorher einen Vertrag. 80 Prozent vom Verdienst gehen an den Arbeitnehmer, 20 Prozent ans Institut. Mein Ziel waren drei Anzüge. Das hat geklappt und ich konnte sie in Graz präsentieren.

Es ist interessant, denn erst ab drei Anzügen gibt es einen speziellen sozialen Kontext. Ein Anzug ist ein Prototyp, mit zwei Anzügen vergleicht man nur, aber bei drei bekommt man ein Gefühl dafür, was es heißen könnte, so seinen Unterhalt zu bestreiten. Und die Menschen verhalten sich ganz unterschiedlich: einige reden, andere liegen nur. Und auch für das Publikum ist es eine ganz andere Erfahrung, man ist so in einer Art Produktionshalle. Die Arbeiterinnen und Arbeiter  sind auch physisch angehängt, mit dem Kabel, das die Information überträgt. 

Wie sehen Sie den Arbeitsmarkt der Zukunft?

Ich sehe Risiken, aber auch Möglichkeiten. Ich denke es gibt große Risiken. Blinder Glaube an die Innovation. Steve Jobs hat das neue iPad als neue Notwendigkeit präsentiert. Tatsächlich ist es nur ein "nice to have". Wir vergessen an die Konsequenzen zu denken. Technik selbst ist nicht gut oder schlecht, sondern nur das, was wir damit machen.

Der Graubereich in der Arbeit

Wir begegnen dem Problem der Agenturen, gleich wie dem der legalen Personen, wo Unternehmen legal wie Menschen behandelt werden. Es gibt eine neue Dynamik und wir wissen teilweise nicht mehr, wer wen anheuert. Wir akzeptieren Geschäftsbedingungen, die wir nicht verstehen. Sie sind in kryptischer Sprache und sehr lang und wir nehmen uns einfach nicht die Zeit, sie zu lesen. Wie viel Zeit und Energie stecken wir in einen Vertrag beim Hauskauf und gleichzeitig wie schnell haken wir online die Geschäftsbedingungen an und stimmen zu? Dabei hat beides die gleichen Auswirkungen. Und: Wir wissen nicht mehr genau, gegen wir kämpfen müssen, wenn es Probleme gibt.

Welche Ideen hast du für die Arbeitswelt der Zukunft?

Ich habe im Laufe dieses Projekts und beim elevate Festival viele Menschen getroffen, die pessimistische Gefühle gegenüber der Zukunft haben. Die Politik ist außer Kontrolle und wir haben nicht mehr viel zu sagen. Algorithmen bestimmen uns und wir verstehen sie nicht einmal. Wir wissen nicht wie und wogegen wir kämpfen sollen und fühlen uns ohnmächtig. So fällt es uns auch zum Beispiel schwer, "Fake News" zu erkennen. Vielleich kann man dagegen in der Kunst etwas tun, damit wir es besser verstehen. Und bekämpfen können. Kunst kann uns helfen uns etwas vorzustellen und den Kampf zu beginnen.

Video: Das ist der Anzug

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