14.1.2015
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Wege aus der Armut: Bildung, Jobs und Sozialstaat

Armut gibt es auch bei uns im reichen Österreich: In der Analyse herrschte Einigkeit bei einer breit besetzten Diskussion in der Arbeiterkammer. Bei Wegen aus der Armut kristallisierten sich Bildung, Jobs und Sozialstaat als wichtigste Maßnahmen heraus.

Josef Pesserl mit Co-Veranstalter Dr. Bernhard Rebernik (KA). © Marija Kanizaj, AK Stmk

Es gehe beim Thema Armut um Menschlichkeit, sagte AK-Präsident Josef Pesserl, es gehe aber um den Zusammenhalt in Österreich. Armut sei Gift für den sozialen Frieden und das demokratische Zusammenwirken. „Der Kampf gegen Armut ist auch ein Kampf gegen Extremismus“, spielte er auf aktuelle Ereignisse an. Dr. Bernhard Rebernik, Präsident der Katholischen Aktion, die in Kooperation mit der Arbeiterkammer diese Diskussion im Grazer Kammersaal organisiert hat: „Armut ist und muss ein gemeinsames Thema aller gesellschaftlichen Bereiche sein.“ Die Katholische Aktion stehe für Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit.

200.000 Kinder in Armut

Diskussion über Armut im Kammersaal. © Marija Kanizaj, AK Stmk

Arme Menschen sind in erster Linie Menschen, betonte Mag. Franz Waltl. Der Caritas-Bereichsleiter für Menschen in Not stellte in seinem Vortrag deshalb immer wieder persönliche Schicksale in den Vordergrund: „Da geht es etwa um ein junges Paar, das nach der Geburt eines Kindes die Stromrechnung nicht mehr zahlen konnte, weil auch Babysachen anzuschaffen waren.“ Waltl sagte, dass knapp 200.000 Kinder in Österreich in verfestigter Armut leben. Bildlich gesehen sei Armut unter einer Eisdecke verborgen. Von oben könne man es durchschimmern sehen, einen Weg heraus schmelzen komme selten und nur dann vor, wenn durch menschliche Wärme den Armen ihre Würde zurückgegeben werde. (Vortragstexte und Präsentationen in der rechten Spalte)

Armutsfalle Jobverlust

DDr. Werner Anzenberger, AK-Bereichsleiter Soziales © Marija Kanizaj, AK Stmk

Mehr auf den materiellen Aspekt von Armut ging DDr. Werner Anzenberger ein. Der AK-Bereichsleiter für Soziales beschrieb den Aufbau des Sozialstaates nach dem II. Weltkrieg bis zum Aufkommen neoliberaler Konzepte in den 80-er-Jahres des vergangenen Jahrhunderts: „Die Neoliberalen sind erklärte Gegner eines Sozialstaates, die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich wieder.“ Der AK-Experte sagte, die größte Armutsfalle sei Arbeitslosigkeit. Deshalb brauche es neben einer Bildungs- und Qualifikationsoffensive eine gerechtere Verteilung der Arbeit: „Auf der einen Seite sind Hunderttausende arbeitslos, auf der anderen Seite werden jährlich 300 Millionen Überstunden geleistet.“ Als weitere Problemfelder nannte er „Working Poor“, Teilzeitarbeit als Armutsursache im Alter und das hohe Armutsrisiko junger Menschen.

Grenzen der Armutsforschung

Podiumsdiskussion "Armut" in Grazer AK. © Marija Kanizaj, AK Stmk

Den Stand der Forschung über Armut beschrieb Ass.-Prof. Dr. Christine Stelzer-Orthofer von der Uni Linz: „Seit etwa 20 Jahren gibt es eine kontinuierliche Forschung über Armut, die aufgrund von EU-Vorgaben auch Vergleiche zwischen den Ländern ermöglicht.“ In Österreich leben 1,5 Millionen Menschen, die armuts- und ausgrenzungsgefährdet sind. Auf sie trifft eines der drei Kriterien zu: geringes Einkommen, man kann sich Übliches nicht mehr anschaffen, Haushalt mit keiner oder geringer Erwerbsarbeit. Treffen zwei oder alle drei Kriterien zu, spricht man von manifester Armut. Der Wissenschaft, so die Forscherin, könne man aber nicht anlasten, dass die Politik auf die Erkenntnisse nicht oder nur ungenügend reagiert: „Das sind leider die Grenzen der Armutsforschung.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Auf die immateriellen Aspekte der Armut ging Dr. Thomas Krautzer, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung ein. Er nannte Bildung, Selbstbewusstsein und Tatkraft als Voraussetzung, um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und mit einem gut bezahlten Job ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Vererbung niedriger Bildung – also dass Kinder unterer Bildungsschichten sehr oft auch niedrige Bildungsabschlüsse haben – könne man durch eine Ganztagesschule mit verschränktem Unterricht entgegenwirken: „Damit gibt man Kindern aus niedrigen Schichten eine Aufstiegschance.“ Investitionen der Wirtschaft in die Wirtschaft seien zentral zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen: „Hier spiegelt sich die zentrale Verpflichtung von Vermögen wider.“ 

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