21.9.2016

Die drei Säulen der Gesundheits- und Krankenpflege

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Die professionelle Pflege wird auf neue Beine gestellt. Am 7. Juli 2016 hat der Nationalrat die Pflege vollkommen neu geordnet und ein Jahrzehntegesetz verabschiedet. Die wesentlichen Eckpfeiler der Neuregelung umfassen eine zeitgemäße Gestaltung und Aufwertung der Pflegeberufe, die Aktualisierung der Tätigkeitsbereiche, die vollständige Überführung des gehobenen Dienstes an die Fachhochschule, sowie eine Modernisierung der verschiedenen Sonderausbildungen.

Eine wesentliche Neuerung ist, dass die allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege künftig auf der Fachhochschule ausgebildet wird. Mit der Tertiärisierung der Pflegeausbildung wurde einer langjährigen Forderung der Pflege nach Akademisierung entsprochen. Für diese Neuausrichtung sieht der Gesetzgeber eine Übergangsfrist bis 2024 vor. Für Diplompflegeausbildungen, die bis 31.12.2023 begonnen werden, gelten die bisherigen Bestimmungen weiterhin. Zu beachten ist, dass für Ausbildungen an der Fachhochschule eine Matura vorausgesetzt wird.

Mehr medizinische Kompetenzen

Mit der Neuregelung erhält der gehobene Pflegedienst zusätzliche medizinische Kompetenzen. Diese werten die Diplompflege nicht nur auf, sondern entlasten auch die Ärzteschaft. Einerseits werden die in den vergangenen Jahren in behördlichen Einzelfällen festgelegten Kompetenzerweiterungen in das Gesetz aufgenommen und gelten damit transparent für alle gleichermaßen. Dies betrifft beispielsweise die Verabreichung von Zytostatika und Kontrastmitteln, das Legen periphervenöser Verweilkanülen oder das Entfernen von Drainagen. Neu hinzugekommen sind etwa die Berechtigungen zur Verabreichung von Vollblut, zur Bedienung von zu- und ableitenden Systemen, zum Wechsel von Dialyselösungen und zur Durchführung bestimmter medizinisch-therapeutischer Interventionen.

Weiterverordnung von Medizinprodukten

Der gehobene Pflegedienst ist nun nach ärztlicher Anordnung berechtigt, bestimmte ärztlich verordnete Medizinprodukte weiter zu verordnen. Dies umfasst insbesondere Produkte der Nahrungsaufnahme und der Inkontinenzversorgung, Mobilisations- und Gehhilfen, Verbandsmaterialien und prophylaktische Hilfsmittel. Dadurch wird die Patientenversorgung wesentlich erleichtert, da die wiederholte Einholung von identen ärztlichen Verordnungen entfällt. Der Arzt ist erst wieder bei einer Änderung der Patientensituation beizuziehen.

AK und ÖGB für eine starke Pflege

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sich AK und ÖGB erheblich für die Beibehaltung der schriftlichen ärztlichen Anordnung eingesetzt haben. Diese war anfangs aus dem Gesetz gestrichen worden und hätte für die Pflegeberufe erhebliche Nachteile gebracht. So wäre ihr z.B. der Gegenbeweis einer falschen oder unklaren mündlichen ärztlichen Anordnung im Streitfall schwer möglich gewesen. Als letztes Glied der Kette hätten sie allfällige Verantwortung tragen müssen. Auch die Weiterverordnung von Medizinprodukten oder die nun klar geregelten Kompetenzen in multiprofessionellen Versorgungsteams haben im Entwurf der Novelle gefehlt. Erst durch Intervention von AK und ÖGB wurden diese Kompetenzen in das Gesetz aufgenommen, womit langjährige Forderungen in den Praxisalltag einfließen können.

Neu ist auch, dass die derzeitigen Grundausbildungen in der Kinder- und Jugendpflege und in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege mit Beginn 2018 auslaufen. Bis Ende 2017 begonnene Ausbildungen können abgeschlossen werden. Die Kompetenzen in der Kinder- und Jugendpflege, sowie in der psychiatrischen Gesundheits- und Krankenpflege gelten künftig als Spezialqualifikation. Beide Berufsgruppen sind zur Ausübung der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege berechtigt, sofern sie über die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen.

Mit zum Teil neuen Spezialisierungen in den Bereichen Wundmanagement, Palliativversorgung und psychogeriatrische Pflege wird besonderen Bedürfnissen von PatientInnen entsprochen und die Pflegekompetenz zusätzlich angehoben. Alle Spezialisierungen sind künftig Setting-  und zielgruppenspezifisch ausgerichtet.

Pflegefachassistenz

Die bisherigen Pflegeberufe wurden um die Pflegefachassistenz erweitert. Künftig gibt es also drei Berufsgruppen: die Pflegeassistenz, die Pflegefachassistenz und den gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege. Die neu geschaffene Pflegefachassistenz soll den gehobenen Dienst entlasten, so der Gesetzgeber. Ihre Kompetenzen gehen dabei über jene der Pflegeassistenz deutlich hinaus, dies gilt vor allem für den medizinischen Bereich. Die Fachassistenz arbeitet eigenverantwortlich auf Anordnung eines Arztes/einer Ärztin oder des gehobenen Pflegedienstes. Eine Aufsicht ist nicht vorgesehen.  Im Rahmen der medizinischen Diagnostik und Therapie sind ihr unter anderem die Durchführung standardisierter EKG- oder EEG-Programme erlaubt, sowie das Legen transnasaler Magensonden oder eines transurethralen Katheter, letzteres allerdings nur bei weiblichen PatientInnen über sieben Jahren.

Pflegeassistenz

Die bisherige Pflegehilfe heißt künftig Pflegeassistenz. Ihr fachlicher Tätigkeitsbereich wird unter anderem um standardisierte Blut- und Harnuntersuchungen, das Absaugen der oberen Atemwege, sowie die Blutentnahme aus der Vene erweitert. Sie wirkt auch beim Pflegeassessment mit. Bedeutend ist, dass sie künftig nicht mehr für hauswirtschaftliche Tätigkeiten zuständig ist. Diese sind von z.B. hauswirtschaftlichen Diensten zu erbringen. PflegeassistentInnen, die ihre Ausbildung nach dem 31.12.2024 abschließen, können nur mehr im Langzeitpflegebereich tätig werde. Der Zugang zum Krankenhaus bleibt ihnen dann verwehrt. Für heutige PflegehelferInnen bzw. –assistInnen gilt diese Einschränkung nicht.

Ausbildung

Die Ausbildungsdauer bleibt beim gehobenen Dienst mit drei Jahren und bei der Pflegeassistenz mit einem Jahr gleich, die Ausbildung zur neuen Pflegefachassistenz dauert 2 Jahre. Die Neuordnung der Tätigkeiten und die Stärkung der Kernkompetenzen tragen dazu bei, das Pflegesystem kompakter und durchlässiger zu gestalten. Eine Weiterbildungsmöglichkeit von der Pflegeassistenz zur Pflegefachassistenz und weiter zum gehobenen Pflegedienst ist möglich. Dies erlaubt Pflegekarrieren. Erstmals können auf Weiterbildungen informell und non-formal erworbene Kenntnisse und Fertigkeiten angerechnet werden. Für die Pflegefachassistenz wurde auch der Zugang zur Berufsreifeprüfung geschaffen.

Mehr Fortbildungszeit

Für Angehörige des gehobenen Pflegedienstes erhöht sich die Fortbildungspflicht um 20 Stunden. Künftig sind daher 60 Stunden an Fortbildung innerhalb von fünf Jahren zu besuchen. Für die Pflegeassistenzberufe bleibt die Fortbildungsdauer mit 40 Stunde innerhalb von fünf Jahren gleich.

Verbesserung für PatientInnen

Das neue Gesundheits- und Krankenpflegegesetz ermöglicht mit seinen neugestaltete Berufsbildern und Kompetenzbereichen einen gezielteren Einsatz des Pflegepersonals und damit eine Verbesserung der Patientenversorgung. Mögliche Behandlungslücken wird durch spezielle interdisziplinäre Kompetenzen für das Aufnahme- und Entlassungsmanagement begegnet. Die Diplompflege koordiniert den Behandlungs- und Betreuungsprozess und sorgt damit für eine optimale Behandlungskontinuität. Sie begleitet dabei PatientInnen  entlang von Behandlungspfaden (Sichtwort: Primärversorgung). Dies ist für eine optimale und zeitnahe Behandlung von immensem Vorteil. Wartezeiten und Leidenswege können damit vermindert werden. Die Kompetenzerweiterung bewirkt beispielsweise auch, dass künftig PatientInnen bei der Peritonealdialyse zu Hause unterstützt werden können. Schließlich berät der gehobene Pflegedienst PatientInnen auch zu Fragen der Gesundheit.

Nicht ohne Kritik

Auch wenn die Gesetzesnovelle langjährigen Reformbestrebungen Rechnung trägt, so ist deren Umsetzung in den Pflegealltag genau zu beobachten. Kritiker befürchten, dass der gehobene Dienst in erheblichem Ausmaß von der schlechter bezahlten Pflegefachassistenz abgelöst wird. Diese Sorge scheint berechtigt. Erst diesbezügliche Aussagen von Verantwortungsträgern gab es bereits. Eine derartige Entwicklung würde die Pflege- und Versorgungsqualität mindern und ist sowohl aus der Sicht der betroffenen Diplompflegepersonen, als auch aus Sicht der PatientInnen abzulehnen. Vorsorglich hat der Gesetzgeber eine Evaluierung der Veränderungen vorgesehen.

Die Mutter des Gedankens war, dass die Pflegehilfe durch einen erweiterten Kompetenzbereich und einen Berufsschutz aufgewertet wird. Die Aufwertung wurde zwar durch die Schaffung der Pflegefachassistenz erreicht, aber die Beibehaltung der Pflegehilfe neben der Pflegefachassistenz gibt dem Ganzen einen schalen Beigeschmack. Mit der Aufwertung der Pflegehilfe und der Tertiärisierung der Diplompflegeausbildung bezweckt der Gesetzgeber eine Verbesserung der PatientInnenversorgung. Das Reformziel darf nun nicht aus budgetären Erwägungen in sein Gegenteil verkehrt werden.

Dienstplanung schwierig

Klar ist, dass eine Aufwertung und mehr Verantwortung auch zu einer höheren Entlohnung führen müssen. Die Beibehaltung an der Pflegeassistenz wurde vor allem von den Ländern aus Kostengründen betrieben. Dies läuft der eigentlichen Aufwertung der Pflegehilfe zuwider. Die Dreigliedrigkeit ist letztlich auch für die Personal-  und Dienstplanung eine besondere Herausforderung. So kann der Ausfall eines Pflegefachassistenten nicht durch einen Pflegeassistenten kompensiert werden kann. Die Tätigkeitsfelder sind zu unterschiedlich. Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass die über die Jahre komplexer gewordene Pflegelandschaft und die damit verbundene Arbeitsverdichtung eigentlich zu einem höheren Anteil an Diplompflegekräften führen muss. Die nunmehr angedachte Umkehrung läuft dieser Entwicklung zuwider. Die Länder sind aufgefordert ihre Spargedanken dahingehend zu überdenken und für die Sicherung der Versorgungsqualität in der Pflege auch vergleichbare Finanzmittel in die Hand zu nehmen, wie sie dies für die Ärzte-Arbeitszeitregelung getan hat. Bessere Pflege für die PatientInnen gibt es nicht umsonst.

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